War die documenta fifteen jetzt antisemitisch oder nicht? Keine Ahnung. Die Werke habe ich nur im Fernsehen gesehen und dort viele verschiedene Meinungen von ausgewiesenen Antisemitismus-Experten, die sich nicht einig waren. Diesmal meine ich das mit »ausgewiesene Experten« ernst. Also werde ich mir hier keine Meinung erlauben. Nein, man muss nicht immer eine Meinung haben, vor allem dann nicht, wenn man sich selbst nicht sicher ist. Aufgefallen ist mir bei den Diskussionen nur, dass einmal mehr Juden allgemein und der Staat Israel in einen Topf geworfen wurden, was die Diskussion nicht erleichtert. Beim Stichwort »Staat Israel« muss außerdem völlig klar sein, dass dessen Existenzrecht nicht anzuweifeln ist.
Was hat mich an der Diskussion gestört? Im Grunde nichts. Was mich störte waren die Reaktionen in den asozialen Netzwerken. Dort wurde rasch nach Eröffnung der documenta fifteen nach Entlassungen und vor allem nach Rücktritten von Politikern geschrien. Dazu muss man sich zunächst einmal fragen, was hätten die Politiker tun sollen? Soll zukünftig vor jeder Kunstausstellung
der zuständige Politiker zur Inspektion vorbei kommen oder Beauftragte schicken? Hatten wir das nicht schon einmal, dass Kunst vor Veröffentlichung begutachtet und erlaubt oder nicht erlaubt wurde, zensiert wurde? Das war keine schöne Zeit, das dürfen wir nicht mehr wollen.
Es ist in Ordnung jede Kunst zu zeigen? Aus Sicht der Regierung muss es das sein. Muss die Gesellschaft es hinnehmen? Nein! Und das hat sie nicht. Es gab Diskussionen, man hat Fragen gestellt, man hat deutlich gemacht, dass so etwas in unserer Gesellschaft nicht erwünscht ist. Somit hat es doch funktioniert ohne Eingriff der Behörden. Ob der Umgang mit der Diskussion vonseiten der Ausstellungsleitung glücklich war, ist eine andere Frage, um die soll es hier nicht gehen.
Was wichtiger ist: Besah man sich die Profile derer, die in Netzwerken den Rücktritt vor allem von Claudia Roth forderten, musste auffallen, dass dort viele dabei waren, die schon seit Jahren gegen sie hetzen mit Wörtern wie »linksgrün-versifft«. Das zeigt doch deutlich, wes Geistes Kind diese »Kritiker« sind. Seit langem wollen sie die Politikerin aus dem Weg zu räumen und wenn »linksgrün-versifft« nicht zieht, dann versuchen sie es eben mit etwas anderem; schließlich kommt dann sogar Unterstützung aus dem gegnerischen Lager. Wenn dieses rechte Pack sich jetzt in die Reihen der Kritiker des Antisemitismus schleicht, und wir nicht darauf achten, wen wir als Mitstreiter aufnehmen, kommen wir auf einen gefährlichen Kurs. Schaut einfach, in welche Chöre ihr einstimmt, oder mit wem ihr »spazieren geht» und wen ihr leichtfertig unterstützt, sonst kommen wir wirklich wieder dahin, dass man nicht mehr »spazieren gehen« darf und auch, dass Kunstausstellungen vor Eröffnung inspiziert und genehmigt werden müssen!